Profit first, 

Gesundheit second?

Die Grenzen des Wachstums

im Gesundheitswesen

ie Veränderungen im deutschen Gesundheitswesen nötigen auch unpolitische Ärzte dazu die Grenzen wirtschaftlicher Gewinnoptimierung zu definieren und zu propagieren.

Der Zahnarzt, der immer ein wenig Karies drin lässt damit der Patient wieder kommt, denkt gewinnorientiert. Derjenige der alles entfernt stellt das Wohl des Patienten über seine kurzfristigen finanziellen Interessen.


Es braucht viel Berufsethik, damit aus einem Arzt ein guter Arzt wird. Ein guter Kaufmann hingegen priorisiert stets die Gewinne seines Arbeitgebers, seine Berufsethik ist von der des Arztes grundverschieden.  


Wenn Betriebswirte, statt Ärzte, Krankenhäuser leiten und plötzlich alle Patienten gesund werden würden, dann kann das der Betriebswirt gar nicht zulassen, weil dem Krankenhaus dadurch die Insolvenz drohen würde und er damit gegen seine Berufsethik verstoßen hätte.


Nach der Jahrtausendwende wurde das deutsche Gesundheitswesen grundlegend reformiert. Ausgehend von Ökonomen wie Peter Drucker und seiner Idee von der Privatisierung sämtlicher Bereiche, dem „Management by objectives“, Peters & Watermans „In Search of Excellence" und Erik Händeler „Das Gesundheitswesen als Wachstumsmotor“                 haben Gesundheits-ökonomen wie Ulla Schmidt (SPD) und Karl Lauterbach (SPD) die Letztentscheidungsbefugnis in den Krankenhäusern von den Ärzten auf die Betriebswirte verlegt. Die große Koalition hat, trotz Pflegenotstand und Ärztemangel, daran nichts geändert. Dieses Handeln ist betriebs-wirtschaftlich sinnvoll und auch erfolgversprechend. Volkswirtschaftlich jedoch vertauscht Händeler die Ursache mit der Wirkung. Ein gesundes Volk arbeitet gerne und verursacht dadurch geringe Gesundheitskosten. Ein solche Volk hat eine gute wirtschaftliche Prognose, weil es gesund ist und nicht weil die Gesundheitskosten niedrig sind. Ein Volk jedoch, dem man Gesundheitsdienstleistungen kürzt, um geringere Ausgaben zu erzielen wird kränker. 


Kränker wird eine Gesellschaft auch dann, wenn sie ihre Ärzte nicht vor den Claqueuren eines politischen Apparates schützen kann, wie das Beispiel des Arztes Li Wenliang eindrücklich zeigt. 


Jeder Betriebswirtschaftsstudent lernt, dass es zwei wesentliche Theorien zum menschlichen Verhalten gibt, die eine betrifft den Verkauf und die andere die Produktion: 


Auf der Verkaufsseite sind die Privathaushalte die Kunden. Die Wissenschaft interessiert sich für die Absichten, Einstellung und Wünsche der Privathaushalte, sofern sie als Käufer auftreten. Hierzu gibt es eine intensive Forschung, damit finanzieren sich Facebook und andere Konzerne. 


Auf der Produktionsseite sind die Privathaushalte die Lieferanten von Arbeit. Warum sich ein Lieferant für oder gegen einen Arbeitgeber entscheidet, spielt für die Betriebswirtschaftslehre keine Rolle, solange von allen Lieferanten noch genügend Arbeit geliefert wird. Man beschränkt sich darauf die Löhne solange zu senken, bis die Haushalte gezwungen sind genügend Arbeit anzubieten. Lohnsenkung erhöht das Angebot an Arbeit, das ist noch immer der aktuelle Stand der Forschung! 


So wenig, wie man sich über die Qualität der Produkte Gedanken macht, solange es noch Absatz gibt, so wenig interessiert die seelische Verfassung der Lieferanten, solange sie noch Arbeit liefern. 


„Denn jede schlechte Tat wird scheinbar gut, wenn der Pöbel die Tat als Erfolg bewertet. 

Die klugen Leute kommen nur dann zur Geltung, wenn der Pöbel ratlos ist und sie um Hilfe bittet.“

Niccolò Machiavelli 1513


Dass ausgebrannte Gesundheitsdienstleister in den Krankenhäusern keine hochwertige kurative Arbeit leisten können, spielt also keine Rolle, solange es genügend Kranke gibt, die Gesundheitsdienstleistungen einkaufen müssen. Qualitätsabstriche bei der kurativen Tätigkeit wiederum erhöhen sogar die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen und sind daher betrietsökonomisch betrachtet durchaus sinnvoll, so ökonomisch wie es für den Zahnarzt ist, ein wenig Karies zu belassen und das Amalgam darüber zu kitten.


Doch nicht nur Konsumenten können den Anbieter wechseln, auch Lieferanten können die gelieferte Arbeit ändern, sei es dass sie ihr Angebot einstellen und sich mit Sozialleistungen über Wasser halten, ihren Beruf oder  das Land wechseln. 


Niemand scheint diese Widersprüche zu bemerken. Der oft beklagte Fachkräftemangel und die Abwanderung von Fachkräften könnte ein, von den blinden Flecken der Betriebswirtschaftslehre selbst hervorgerufenes, Problem sein!


Dabei ist bereits das Wort „Gesundheitsökonomie“ ein Oxymoron, weil sich Gewinne nur durch Krankheit und nicht durch Gesundheit erwirtschaften lassen. Eine gesunde Bevölkerung braucht keine Ärzte und auch keine Krankenhäuser. Das, was restlos gesund macht, bereichert nur den Patienten und nicht den Ökonomen. Jeder Kaufmann, der den gesundheitlichen Vorteil seines Kunden vor seinem eigenen finanziellen Vorteil priorisiert, handelt daher fahrlässig! 


Aus diesem Grund hat man vor mehr als 2000 Jahren den Hippokratischen Eid erfunden und alle Ärzte an ihn gebunden. Mit der Ökonomisierung patientenbezogener Entscheidungen ist die Menschheit in die Zeit vor Hippokrates zurückgefallen. 


Verspielen wir am Ende die Gesundheit unseres Volkes, wenn wir dem betriebswirtschaftlichen Ränkespiel in inhaberfernen Aktiengesellschaften das Feld überlassen?


Wie reif ist eine Wissenschaft, die Ursache und Wirkung nicht voneinander unterscheiden kann und wie lassen sich die unterschiedlichen Ziele in einem post-hippokratischen Gesundheits-wesen miteinander amalgamieren?

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